Rahmenplanung: Rosenstein, Stuttgart / D
Freiräume für Stuttgart

Die Veränderungsprozesse im Bahnbetrieb eröffnen der Stadt Stuttgart die einmalige und un-wiederbringliche Chance, Flächen in dieser Großzügigkeit, zentralen Lage, mit einer Geschichte und in Besitz der Stadt als Potenzial für die Stadt und Stadtgesellschaft zu gewinnen.

 

Die Stadtgesellschaft sollte diese Chance nutzen.

Städtebauliche Grundgedanken

Der Entwurf entfaltet sich zwischen zwei notwendigen Ebenen in der Stadtwahrnehmung: der Prägnanz der städtebaulichen Raumbildung und dem Repertoire der Stadträume. Der Rahmenplan definiert die prägnante städtebauliche Raumbildung als Ausgangslage der Entwicklung. Hier werden die Leitlinien aber auch die Kapazitäten festgelegt. Das Repertoire der Stadträume hingegen bildet die Grundlage für den alltäglich gelebten Raum. Es besteht aus räumlichen Qualitäten, die zur Aneignung einladen und Gelegenheiten schaffen, aus ökologischen und raumklimatischen Qualitäten, die den lokalen Bedingungen Rechnung tragen und aus der Prozessgestaltung, um die Stadt aktiv zu entwickeln, um abwägen zu können und um Experimente zu ermöglichen.

Integration in die umgebenden Strukturen

Wir interpretieren das Vorhandene – Kontext, Topografie, räumliche Qualitäten, Bestandsgebäude, Raumwirkungen, Form – und wertschätzen die schon vorhandenen Akteure als enormes Potenzial und grundlegende Setzung für unseren Entwurf. Alles Neue reagiert auf und interagiert mit dem Vorhandenen, schafft damit kraftvolle räumliche Setzungen. Die Komplexitäten der vorgefundenen räumlichen Situationen und Gegebenheiten führen uns im Weiterschreiben zu eigenständigen doch begründeten städtebaulichen Entwürfen und spezifischen typologischen Antworten.

Städtebauliches Grundkonzept

Wir entwickeln aus dem Vorhandenen vier Gebiete weiter: das ergänzte Europaviertel, das durchlässige Gleisbogenquartier und die Experimentierfelder Wagenhallen und Rosenstein. Alle vier sind räumlich klar ablesbar und finden in Maßstäblichkeiten, Typologien und Gestaltung ihre eigene Form. Diese kraftvolle Grundsetzung verschafft diesen städtebaulichen Konzepten Kapazitäten und Offenheit in der Nutzung. Alle vier Gebiete bedienen sich ihres eigenen Repertoires der Stadträume. Gemeinsam hingegen ist allen: Gebäude sind Häuser und nicht gebautes Programm, Freiräume sind räumliche Situationen für Gelegenheiten und nicht Infrastrukturflächen.

Das Experimentierfeld Rosenstein

Zentrales Element des Entwurfs ist dieser neue, große und großzügige Freiraum: ein aktiver, produktiver, inklusiver Raum, in dem das Machen im Vordergrund steht. Hier wird gedacht, ausprobiert, getestet, gelernt, ausgetauscht und diskutiert. Alle Nutzungen werden als Werkstätten gedacht und gebaut: Schulen, Museum, Konzertsaal, Gärten, Sportstätten sind Wissens-, Produktions-, Bewegungs- und Kunstwerkstätten in einem. Der Rosenstein ist eine Einladung an alle Stuttgarter*innen, ein Angebot. Architektur als Dis-ziplin muss hier neu gedacht sein. Das Experimentierfeld versteht sich als Ergänzung zu den bestehenden Parks und zentralen Orten in Stuttgart, ist in das städtische Netzwerk über vielfältige Verbindungen und Bezüge eingebettet, wird zum inklusiven Ort für die Stadtgesellschaft. Dieses mit Raumatmosphären arbeitende Konzept setzt in der räumlichen Umsetzung den Erhalt der weiten, offenen Fläche voraus und integriert somit auch die wichtigen stadtklimatologischen Aspekten. Die Richtungen der ehemaligen Bahngleise bilden die Basis für die Nutzungsbesiedelung und sind Reminiszenz an die hundertjährige Nutzung. Wege für unterschiedliche Geschwindigkeiten durchziehen das Feld, Dächer und Bäume spenden Schatten, Wasserflächen schaffen ein angenehmes Mikroklima. Die unterschiedlich breiten Streifen bieten Raum für Fauna und Flora wie für unterschiedlichste Aktivitäten und Nutzungen. In das Feld werden zwei neue Häuser als Solitäre gesetzt. Offen, einladend und demokratisch in ihrem Erscheinungsbild sind der Werkstattwürfel und der Werkstattcampus starke neue Setzungen mit hoher Kapazität und vielfältigen Nutzungsmöglichkeiten. Ungewohnte Nachbarschaften sind hier Programm. Die Bestandsgebäude bilden im Norden, Osten und Süden den Rahmen für das Feld und werden als erhaltenswert eingestuft, weil sie ikonografisch sind, für die Geschichte des Ortes stehen, ganz besondere Räume bieten. Die Ränder werden als aktive Membrane entwickelt, deren Nutzungen auf das Feld ausstrahlen. Durchwegungen binden das Feld in seinen Kontext ein. Die Topografie wird bewusst als Potenzial herausgestellt und inszeniert: Neue Brücken, Rampen, Treppen und Rutschen überwinden diese und verbinden.

Das Gleisbogenquartier

bildet den Abschluss des Experimentierfelds nach Westen und des Eisenbahnerviertels nach Osten, indem es den ehemaligen Gleisbogen nachzeichnet. Diese starke räumliche Setzung bleibt erhalten, seine Topografie wird besiedelt, Freiräume mit dem Panoramaweg im Zentrum alltagstauglich gestaltet. Hohe Punkthäuser in Verwandtschaft zu den Conradi-Hochhäusern und auf aktiven Sockelzonen liegende Zeilen schaffen eine neue Silhouette. Das Gleisbogenquartier ist aktive Membran und Verbinder zugleich.

Das Experimentierfeld Wagenhallen

legt den Fokus auf das Verbinden von Wohnen und Arbeiten, in dem das künstlerische Schaffen eine Form davon ist. Der Panoramaweg verbindet und teilt gleichzeitig das Experimentierfeld. Eine dichte, niedrige Grundstruktur aus Baufeldern, die sich aus dem Bestandsbezügen entwickeln, bildet die räumliche Grundstruktur. Hier können neue Modelle und Typologien einer nachhaltigen und inklusiven Stadt erprobt werden. Das Repertoire der Stadträume arbeitet mit sekundären architektonischen Elementen wie Rampen, Dächern, Treppen und Aneignungszonen um die Häuser. Gelebt und gearbeitet wird hier innen wie außen. Der Straßenraum ist wieder Raum für alle.

Das Europaviertel

im Süden wird als Anschluss zur Innenstadt im Sinne Klaus Humperts weitergebaut. Keine Sondernutzung sondern lebendiger Stadtalltag empfangen den Ankommenden, so wie es in großen europäischen Metropolen sehr gute Praxis war. Die Blockrandbebau-ung bildet hierfür die Grundlage. Das Repertoire der Stadträume entwickelt diese allerdings in differenzierter Form weiter. Die Höhe der Häuser, ihre Maßstäblichkeit, die Gliederung und Materialität der Fassade strahlen eine städtische, auf den Menschen ausgerichtete Wirkung aus. Ein Spiel aus Verwandtschaften in der Vielfalt, aus Brüchen in der Einheit wird angestrebt. Den klaren Fokus bildet ein attraktiver Straßenraum mit einer vielfältig genutzten Erdgeschosszone der Häuser. Die Gestaltung von Eingängen und Vorzonen, bewusst artikulierte Schwellen und Grenzen, ablesbare Schichten und Zonierung, Blickbeziehungen in den Block hinein sind die Basis für eine Alltagsschicht, für Situationen und das Schaffen von Gelegenheiten. Stadtklimatische Aspekte wie die Ausgestaltung der Innenhöfe als begrünte aktive Zonen nach dem Schwammstadtprinzip bilden einen wichtigen Teil des Repertoires.

Verfasser
SUS, bäuerle landschaftsarchitektur
Auftraggeber
Stadt Stuttgart
Zeitraum
2019
Flächen / Bauvolumen
85 ha
Programm
nachhaltiger Stadtteil mit modellhaften Stadtquartieren
Verfahren
Internationaler offener städtebaulicher Wettbewerb / Teilnahme